Recruiter 03

Erwartungen an Arbeitgeber: Was die Kununu-Recherche für Recruiting bedeutet

Eine SPIEGEL-Recherche deckt auf: 750.000 Kununu-Bewertungen wurden gelöscht, Bewertungen lassen sich für 27,99 Euro kaufen. Für Ihr Recruiting bedeutet das: Die Erwartungen an Arbeitgeber haben sich fundamental verändert.

Was aktiv Jobsuchende wirklich erwarten

Rund 70 Prozent der Jobsuchenden recherchieren Arbeitgeberbewertungen vor ihrer Entscheidung. Diese Kandidaten haben Eigenantrieb, prüfen kritisch und vergleichen mehrere Quellen. Sie erwarten keine perfekten Profile, sondern authentische Einblicke.

Die Forschung zeigt: Ausgewogene Bewertungen wirken glaubwürdiger als extreme Darstellungen. Wenn Kandidaten kritische Beiträge lesen, positionieren sich 42 Prozent auf Seite der Bewertenden. Entscheidend: 75 Prozent ändern ihre Meinung bei überzeugenden Arbeitgeber-Antworten.

Der Fall Playmobil illustriert die Risiken: Nach massenhafter Löschung kritischer Bewertungen verbesserten sich die Werte kurzfristig. Mediale Berichterstattung folgte, heute liegt die Bewertung wieder bei 2,9 Sternen. Die Ressourcen für Anwälte waren verschwendet.

  • Eigenantrieb erkennen: Aktiv Jobsuchende recherchieren selbstständig und treffen informierte Entscheidungen
  • Authentizität schlägt Perfektion: Kandidaten erwarten realistische Einblicke, keine Marketing-Fassaden
  • Reaktion zählt mehr als Löschung: 50% lesen Arbeitgeber-Antworten immer oder oft
  • Dissonanz ist teuer: Falsche Erwartungen führen zu Abbrüchen in der Probezeit

Eigene Kanäle strategisch nutzen

Rund 80 Prozent aller Jobsuchen starten bei Suchmaschinen, nicht auf Bewertungsportalen. Ihre Arbeitgeber-Website ist der Kanal, den Sie vollständig kontrollieren. Hier können Sie Erwartungen an Arbeitgeber authentisch gestalten, ohne Abhängigkeit von manipulierbaren Plattformen.

Das Stellenangebot ist in den meisten Fällen der erste Kontaktpunkt, nicht die Karriereseite. Wenn Ihre Angebote suchmaschinenoptimiert sind und realistische Einblicke in Aufgaben, Team und Arbeitsumfeld bieten, binden Sie die Aufmerksamkeit derjenigen, die bereits aktiv suchen.

Die Candidate Journey verläuft typischerweise: Online-Nachfrage, Erstkontakt, Stellenansicht, Website-Besuch, Bewerbung. Wer nur Bewerbungen misst, verliert Steuerungsmöglichkeiten in den frühen Phasen. Ein Beispiel: Trotz sichtbarer regionaler Nachfrage entsteht kein Erstkontakt – ein klares Signal für Optimierungsbedarf bei Titel oder Vorschautext.

  • Suchmaschinen als Startpunkt: 80% der Jobsuchen beginnen dort, nicht auf Social Media
  • Eigene Website optimieren: Aktuelle Jobangebote und authentische Arbeitgeber-Infos zentral platzieren
  • Frühe Phasen messen: Monitoring von Nachfrage bis Erstkontakt ermöglicht gezielte Steuerung
  • Kontrolle zurückgewinnen: Eigene Kanäle reduzieren Abhängigkeit von Bewertungsplattformen

Authentische Kommunikation statt Insider-Jargon

Die SPIEGEL-Recherche zeigt: Kununu fordert bei Zweifeln Arbeitszeugnisse oder Gehaltsabrechnungen an. Viele Bewertende brechen ab – aus berechtigter Sorge, identifiziert zu werden. Die Lösung liegt nicht in der Manipulation von Plattformen, sondern in der Qualität Ihrer eigenen Kommunikation.

Wenn Ihre Stellenangebote und Karriereseiten Insider-Jargon verwenden, senken Sie Reichweite bereits vor dem Erstkontakt. Suchmaschinen und KI-Assistenten filtern Relevanz wie eine harte Tür. Kandidaten suchen nach Marktbegriffen, nicht nach internen Abkürzungen oder Prozesswörtern.

Best Practice: Übersetzen Sie Fachbereichssprache konsequent in Marktsprache, besonders bei Titel, Vorschautext und Erstkontakt. Die KPI „Interaktions-Qualität“ zeigt, ob Kandidaten nach dem Einstiegstext weiterlesen oder abbrechen. So identifizieren Sie Optimierungshebel messbar.

  • Marktsprache statt Jargon: Kandidaten und Suchmaschinen verstehen Marktbegriffe, keine internen Codes
  • Transparenz zu Herausforderungen: Konkrete Einblicke erfüllen Erwartungen besser als Marketing-Phrasen
  • Interaktions-Qualität messen: Zeigt, wo Kandidaten abbrechen und wo Texte überarbeitet werden sollten
  • PA-Verhandlung optimieren: Starkes HR-Standing verhindert Jargon bereits in der Personalanforderung

Fazit: Erwartungen an Arbeitgeber haben sich gewandelt – 70% der Kandidaten recherchieren vor der Bewerbung. Manipulation kostet Ressourcen und schädigt langfristig. Wer stattdessen eigene Kanäle optimiert, authentisch kommuniziert und die Candidate Journey messbar macht, gewinnt Kandidaten mit realistischen Erwartungen. Das senkt Abbruchquoten und Rekrutierungskosten nachhaltig.

Sie sind dran: Überprüfen Sie Ihre Online-Präsenz aus Kandidatensicht. Starten Sie eine Google-Suche nach typischen Jobtiteln in Ihrer Region. Was finden Kandidaten zuerst – und erfüllt es ihre Erwartungen an Transparenz und Authentizität?


Dieser Beitrag entstand nach Lektüre von Florian Gontek und Verena Töpper in SPIEGEL, 28.10.23:
Kann man den Bewertungen auf Kununu trauen?