INSIGHTS · WAHRNEHMUNG

Warum ein Geschäftsführer Probleme oft zuletzt erfährt – und wie er sie trotzdem steuert

Schlechte Nachrichten verlieren auf dem Weg nach oben zuerst ihre Schärfe. Was Sie erreicht, ist die Hälfte – und es fehlt die unbequeme. Nicht weil jemand lügt, sondern weil jede Weitergabe glättet. Wie Sie das Richtige trotzdem sehen.

Dass ein Geschäftsführer von Problemen im eigenen Haus oft zuletzt erfährt, ist kein Führungsfehler, sondern Organisationsphysik: Ab einer bestimmten Größe filtert jede Hierarchieebene, was nach oben dringt – über fünf Ebenen kommt nur rund die Hälfte der ursprünglichen Information unverzerrt an der Spitze an¹. Ein Geschäftsführer eines Industrieunternehmens mit 1.300 Mitarbeitenden erfuhr von einem gravierenden Zustand im eigenen Haus erst über eine externe Auswertung – und urteilte sofort: „Das läuft schief, diese Zahlen sind eindeutig.“² Ein anderer bringt dieselbe Erfahrung auf die bodenständige Formel: „Der Chef kann nicht alles wissen“³.

Sichtbar wird das Verborgene erst, wenn der Geschäftsführer mit einem Blick erkennt, wo es wirklich klemmt und wo er nachhaken muss – ohne dass der Bereich, in dem es klemmt, es zuerst selbst melden muss.

Dass Sie nicht alles sehen, ist Organisationsphysik – kein Versäumnis.

Der Effekt hat zwei belegte Ursachen.

Die erste ist mechanisch. Stellen Sie sich Ihr Unternehmen als Gebäude mit mehreren Stockwerken vor: Was unten auf der Fläche geschieht, erreicht Ihr Büro im obersten Stock nur über mehrere Treppen – und auf jeder geht etwas verloren. Der Grund ist die Zahl der Beziehungen, die eine Führungskraft überblicken müsste; sie wächst mit jedem zusätzlichen Direktunterstellten exponentiell – bei acht sind es über 1.000⁴. Deshalb ziehen Unternehmen Ebenen ein: schon ab rund 50 Mitarbeitenden entsteht die erste Führungsebene zwischen Ihnen und der Basis; in Ihrer Größenordnung (200–2.000) sind es typischerweise drei bis fünf⁵. Und jede dieser Etagen kürzt und glättet – wie bei der Stillen Post verändert sich die Nachricht mit jeder Weitergabe; je mehr Ebenen dazwischenliegen, desto weniger erreicht die Spitze unverzerrt¹.

Die zweite ist menschlich. Rund 85 % der Beschäftigten behalten kritische Bedenken bewusst für sich – aus Sorge, mit dem Problem in Verbindung gebracht zu werden⁶. Das ist keine Illoyalität. Menschen halten schlechte Nachrichten selbst dann zurück, wenn sie nichts zu befürchten haben – aus Rücksicht und weil es keine klare Regel dafür gibt⁷. In der Hierarchie verstärkt das Macht- und Karrieregefälle diesen Reflex zusätzlich⁶·⁸.

Zur Redlichkeit: Diese beiden Werte lassen sich nicht zu einer Zahl verrechnen – sie messen Verschiedenes, und eine belastbare Studie zum kombinierten Effekt gibt es nicht. Festhalten lässt sich nur die Richtung: Beide Mechanismen wirken gleichsinnig und unabhängig voneinander – sie verkleinern, was den Geschäftsführer erreicht.

Die Konsequenz liegt nicht in der Menge, sondern in der Auswahl: Gekürzt werden nicht die belanglosen Informationen, sondern die kritischen. Das hat nicht nur mit den genannten Motiven zu tun – schon rein kognitiv gehen bei jeder mündlichen Weitergabe gerade die Warnsignale und Vorbehalte überproportional verloren, mehr als doppelt so stark wie die reine Sachaussage¹³. Über mehrere Ebenen hinweg heißt das: Was oben ankommt, ist nicht nur weniger – es ist vor allem entschärft.

Daraus folgt nicht, dass Sie mehr hinsehen müssten. Es folgt, dass Sie das Richtige erfahren können, ohne die strukturellen, Ihrer Unternehmensgröße geschuldeten Hindernisse als gegeben hinzunehmen. Normal heißt nicht unvermeidlich: Was die Größe an Filtern erzeugt, lässt sich umgehen – nicht durch mehr Aufmerksamkeit, sondern durch ein Signal, das den Filter gar nicht erst passieren muss.

Derselbe Filter trifft schon Ihren Aufsichtsrat.

Warum sieht selbst das Gremium über Ihnen oft zu wenig? Weil dieselbe Mechanik eine Ebene höher wirkt: Auch was Aufsichtsrat oder Beirat über Ihr Haus erreicht, läuft durch Berichtswege, die kürzen und glätten. Diese Aufwärtsverzerrung ist keine Eigenheit einzelner Personen, sondern eine Eigenschaft von Hierarchie als solcher⁸·⁹.

Wer als angestellter Geschäftsführer mit Eigentümer-Mandat führt, kennt beide Richtungen: Er soll dem Beirat ein belastbares Bild geben – und erhält selbst von seinen Bereichen ein gefiltertes. Das ist kein Grund zum Misstrauen. Es ist ein Grund, sich auf das gemeldete Bild allein nicht zu verlassen, in keine Richtung. Die Frage ist dann nicht, ob Sie genug gemeldet bekommen – sondern woher Sie ein Bild bekommen, das diese Filter gar nicht erst durchläuft.

Der blinde Fleck sitzt zwischen den Bereichen – dort, wo keine Kennzahl misst.

Sie haben für jeden Bereich Zahlen. Produktion, Einkauf, Vertrieb – jeder Bereich meldet, wie er steht. Und trotzdem entgeht Ihnen die Reibung, die zwischen ihnen entsteht. Denn sie entsteht nicht in den Bereichen, sondern bei der Übergabe vom einen zum nächsten. Und dort misst keine Kennzahl.

Der Grund ist einfach: Liefert ein Bereich dem nächsten unvollständig zu, fängt der nächste die Lücke still auf – aus Kollegialität, oder um selbst liefern zu können. Diese Schattenarbeit schlägt keinen Alarm. Eine Maschine, die steht, meldet sich. Eine Übergabe, die reißt, bleibt still – und wiederholt sich, an jeder Schnittstelle zwischen Ihren Bereichen, Tag für Tag. Sie bindet Fachkräfte im Nacharbeiten statt im Wertschöpfen. Und sie steht in keinem Bericht, weil kein Bericht für den Raum zwischen zwei Bereichen zuständig ist.

Das ist die Verbindung zur Arbeitsteilung der Fachbereiche: Was ein Bereich an den nächsten übergibt, hat keinen Eigentümer – außer dem einen, der über allen steht.

Die naheliegende Antwort – selbst hinsehen – stößt an eine Grenze.

Reicht es, als Geschäftsführer einfach öfter selbst hinzuschauen? Am einzelnen Ort: ja. Die Industrie hat dafür eine bewährte Tradition – „Go and See“, das Hingehen an den Ort der Wertschöpfung (Gemba)¹⁰. Wer regelmäßig vor Ort ist, erfährt, was kein Bericht zeigt.

Selbst der systematische Weg trägt nicht weiter als der persönliche: Hoshin Kanri – das wichtigste Lean-Instrument für eine bereichsübergreifende Zielausrichtung – hängt maßgeblich an der Disziplin des Geschäftsführers; lässt sein Engagement nach, fällt es zurück in lokale Bereichskennzahlen.¹¹·¹²

Wenn Hinsehen nicht skaliert, brauchen Sie das richtige Signal.

Wie sieht ein Geschäftsführer, was er nicht direkt sehen kann? Nicht mit mehr Augen, sondern mit einem Signal, das die Filter gar nicht erst passieren muss. Der Gedanke: nicht Menschen berichten lassen, sondern auswerten, was die vorhandenen Systeme ohnehin festhalten – gemessen dort, wo die Arbeit ankommt (beim Empfänger), gehalten gegen das, was vereinbart war und so visualisiert, dass Wichtiges in Sekunden klar ist. So wird eine gerissene Übergabe sichtbar — nicht weil jemand sie meldet, sondern weil sie beim Empfänger auffällt.

Aufsetzen kann das nur einer: Sie. Nicht aus Hierarchie-Stolz, sondern weil allein der Geschäftsführer bereichsübergreifend entscheiden und die wechselseitigen Verantwortungen der Fachbereiche verbindlich festlegen darf – die Dürfen-Logik.

Genau hier setzt das Modell an: drei Fragen, drei Indikatoren je Bereich, ablesbar in Sekunden, ohne neues Messsystem.

Quellen


¹  Campbell, D. T. (1958): Systematic Error on the Part of Human Links in Communication Systems. Information and Control, 1(4).

²  Feldbeobachtung des Autors: Geschäftsführer eines Industrieunternehmens (1.300 Mitarbeitende), anonymisiert; nicht publiziert.

³  Bausch Food Consulting (2023): Interview mit Oliver Cersovsky, Geschäftsführer Weseke Dragees.

⁴  Graicunas, V. A. (1933): Relationship in Organization. In: Gulick & Urwick (1937), Papers on the Science of Administration.

⁵  Blau, P. M. (1970): A Formal Theory of Differentiation in Organizations. American Sociological Review, 35(2). · KfW-Mittelstandspanel (2023–2025): Strukturdaten zur Führung im Mittelstand.

⁶  Milliken, F. J., Morrison, E. W. & Hewlin, P. F. (2003): An Exploratory Study of Employee Silence. Journal of Management Studies, 40(6).

⁷  Rosen, S. & Tesser, A. (1970): On the Reluctance to Communicate Bad News: The MUM Effect. Sociometry, 33(3).

⁸  Athanassiades, J. C. (1973): The Distortion of Upward Communication in Hierarchical Organizations. Academy of Management Journal, 16(2).

⁹  Tourish, D. & Robson, P. (2006): Sensemaking and the Distortion of Critical Upward Communication in Organisations. Journal of Management Studies, 43(4).

¹⁰  Gemba / „Go and See“: etablierte Industriepraxis (Lean / Shopfloor-Management).

¹¹  Löfving, M., Melander, A., Elgh, F. & Andersson, D. (2021): Implementing Hoshin Kanri in small manufacturing companies. Journal of Manufacturing Technology Management, 32(9), 304–322.

¹²  Witcher, B. J. & Chau, V. S. (2007): Balanced scorecard and hoshin kanri: Dynamic capabilities for managing strategic fit. Management Decision, 45(3), 502–521.

¹³  Graeber, T., Noy, S. & Roth, C. (2026): The Transmission of Reliable and Unreliable Information (Arbeitspapier; Revise & Resubmit, Quarterly Journal of Economics; vormals „Lost in Transmission“, 2024). Präregistriert: AEA RCT Registry 12119.

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